Fahrbericht

Die mid-Zeitreise: Russen-Jeep für Autobahn nicht geeignet

  • In FAHRBERICHTE
  • 1. September 2017, 14:37 Uhr
  • Jutta Bernhard
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mid Groß-Gerau - Rustikales aus Russland: der Lada Tundra überzeugt im Gelände, aber nicht auf der Straße. Lada

Am 10. Juli 1978 berichtete der mid im 27. Jahrgang über den Lada 469 Tundra. Ein Fahrbericht der besonderen Art.

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In der Bundesrepublik wird unter der Typenbezeichnung "469 Tundra" ein allradgetriebener UdSSR-Geländewagen von der Fa. Lada GmbH, Hamburg, zu einem Preis angeboten, der auf dem Geländewagenmarkt einmalig ist: Für 16.043 D-Mark bekommt man einen russischen "Stier", der an Robustheit kaum zu übertreffen ist. Kein Wunder, denn wo sich der "Tundra" sonst aufhält, gibt es nur Schlamm oder Steppe. Straßen haben in Sibiriens Tundra Seltenheitswert.

Die Heimat des Russen-Autos sind unwegsame Waldwege, Steilhänge bis an die Kippgrenze sowie Morastgrund, der das Fahrzeug bis an die Achsen versinken lässt. Und in der Tat, auf Schnellstraßen und Autobahnen hat das Arbeitstier nichts zu suchen. Dort fühlt es sich auch höchst unwohl. Mehr noch: Abgesehen von panzerartigen Aussehen - beim Beklopfen gibt das 2 Millimeter dicke Blech einen satten Ton von sich - gehen die Motorengeräusche bei höheren Drehzahlen in ein Dröhnen über, das heißt Tundra-Insassen sollten starke Nerven mitbringen. Das Fahrzeug indes ist auch nicht für längere Fahrten gedacht. Bundesdeutsche Interessenten dürften höchstens Jagd-Liebhaber und -Pfleger oder solcher Berufsgruppen sein, die Lasten in unwegsame Gegenden zu befördern haben. Für solche Zwecke ist der "Tundra" konkurrenzlos geeignet. Vergleichbare Konkurrenz-Fahrzeuge mit Allradantrieb, die allerdings in Technik, Verarbeitung, Laufkultur sowie Styling etliche Klassen höher liegen, sind durchschnittlich um 5.000,- bis 10.000,- DM teurer.

Militärischer Charakter
Das Fahrzeug ist kein vergleichbarer Range Rover, also jene Art von Allradfahrzeugen, die wegen des Pkw-Charakters heute hoch im Kurs stehen. Der "Tundra" wirkt dagegen wie ein schwerfälliger, hochbeiniger "Panzer". Die Vorteile liegen im Erklimmen unwegsamer Geländeabschnitte. Der militärische Charakter sozialistischer Prägung ist unverkennbar. Dennoch steht auf vier Rädern ein klassischer Jeep-Typ. Dafür spricht das Fahrwerk mit vorne und hinten starren an Blattfedern aufgehängten Achsen. Die respektablen 15-Zoll-Räder sind mit imponierenden Geländereifen der Dimension 8.40. 15 bestückt.

Von Laufkultur kann keine Rede sein. Im Gegenteil, Chauffieren (Schaltung mit Mittelstock und Viergang-Getriebe) ist harte Arbeit. Oder anders ausgedrückt, knochenharte Federung, eine ungenügende Getriebesynchronisation (nur der 3. und 4. Gang sind synchronisiert, während die zwei ersten Gangstufen mit kräftigem Zwischengas geschaltet werden müssen), eine nur vom Motorraum aus einschaltbare Gebläseheizung, ein Stoffdach, für dessen Wasserdichte nicht unbedingt garantiert werden kann, ein eisenblechgepolstertes Armaturenbrett, so gut wie keine Geräuschdämmung, keine Kurbelfenster, erfordern schon den "harten Mann".

Auf den immerhin sieben nicht verstellbaren Sitzen kann man höchstens hocken, aber nicht sitzen. Die Habenseite ist allerdings auch nicht zu verachten: Das zwar zu hohe Fahrzeug bringt vollbeladen mit sieben Personen zwei gefüllten 35-Liter-Tanks 2,2 Tonnen auf die Waage, die von einem 2,5-Liter-Vierzylinder-Motor bewegt werden wollen. Die beiden Tanks können wechselweise mit einem primitiven Drehknopf unter dem Fahrersitz auf die Benzinuhr umgeschaltet werden. Das hat bei der Testfahrt im Münchner Überland zwar beträchtliche Schwierigkeiten bereitet, aber dass eine nächtliche Geländefahrt wegen eines Defekts der Benzinuhr abrupt beendet wurde, ist reiner Zufall. Das Fahrzeug ist ein typisches Beispiel für Solidität und Robustheit. Mehr noch: Im Gelände ist der "Tundra" jedem anderen Allrad-Fahrzeug haushoch überlegen. Mit eingeschaltetem Vierrad-Antrieb bezwingt er bis zu 67 Prozent Steigung, und das dürfte sich schon an der Kippgrenze bewegen.

Fahrgefühl wie im Lkw
Nicht einfach ist die Handhabung: So befinden sich die Hebel für Geländegang und Allrad-Antrieb rechts vom normalen Schaltstock, die Übrigens alle nicht besonders einfach - gelinde ausgedrückt - einrasten. Überhaupt erweckt das Fahren Gefühle wie im Lkw der dreißiger Jahre, was wohl auf die sehr kräftige und robuste Dimensionierung der Bauteile zurückzuführen ist. Der bullige und laute Vierzylinder-Motor (er stammt aus dem Wolga-Pkw) ist dank der niedrigen Verdichtung von 6,7 : 1 mit 18 Liter auf 100 Kilometer zufrieden. Bei 55 kW/75 PS (bei 4.000/min) sollen laut Werk 110 km/h erreicht werden. Das Antriebsaggregat ist ganz auf Sicherheit ausgerichtet: Es besitzt einen Hebel für die Handbetätigung der Benzinuhr, ein Rändelrad für die Handverstellung der Zündung am Verteiler, einen Handhahn, mit dem der Kreislauf des Ölkühlers abgestellt werden kann. Ein sicheres Zeichen dafür, dass es beim "Tundra" in der Tundra auf Kleinigkeiten ankommt!

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