Vergleich

Vergleichstest Low-Entry-Busse: Vier Linienbusse im Zehnkampf

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mid München - Der leichtgewichtige VDL Citea LLE gegen das Erfolgsmodell von Iveco Bus, den Crossway LE. Der erfolgreiche Setra S 415 LE Business geht als leichter Favorit ins Rennen, der Solaris Urbino LE ist das jüngste Modell im Quartett. Wolfgang Tschakert / mid

Für den härtesten Omnibus-Test Europas haben sich Iveco Bus, Setra, Solaris und VDL akkreditiert. Sie mussten sich in verschiedenen Testdisziplinen bewähren, bis zuletzt blieb es spannend. Mit knappem Vorsprung setzte sich der Iveco Crossway LE im Zieleinlauf durch.

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Für den härtesten Omnibus-Test Europas haben sich Iveco Bus, Setra, Solaris und VDL akkreditiert. Sie mussten sich in verschiedenen Testdisziplinen bewähren, bis zuletzt blieb es spannend. Mit knappem Vorsprung setzte sich der Iveco Crossway LE im Zieleinlauf durch.

"Weniger Niederflur ist mehr", meinen immer mehr Auftraggeber, Kommunen und Landkreise. Denn die sogenannten "Low-Entry"-Omnibusse können ja beides: Sowohl stufenlose Einstiege als auch ein ausreichendes Sitzplatzangebot. Unser Testpartner, der oberbayerische Omnibusbetrieb Ettenhuber in Glonn steht vor einer Beschaffungsentscheidung. Das Unternehmen, das mit mehr als 100 Omnibussen die Münchner Region bedient, sucht für den Einsatz auf einer Regionallinie den richtigen Low-Entry-Bus.

Genau die richtige Aufgabe für das Testteam, das aus vier ambitionierten Omnibustestern besteht. Deren jährlicher Vergleichstest gilt in der Branche als der härteste in Europa - diese Berichte werden von der Fachwelt in vielen Ländern gelesen. Das Testteam rückt gleich mit vier Kandidaten an, fährt und testet diese Fahrzeuge auf dieser Linie. Dabei muss es der Fahrer mit Steigungen und engen kurvigen Landstraßen aufnehmen, hier ist Leistung, Straßenlage und Komfort gefragt. Wer wird sich hier wohl am besten schlagen?

Weil diese Fahrzeuge aber mehr können müssen - schließlich fahren sie auch im Umfeld der Stadtrandgemeinden - haben wir eine zweite Teststrecke vorbereitet. Ein Umlauf über 18 Kilometer mit 25 Haltestellen, wo es immer heißt: Türen auf, 10 Sekunden Stehzeit, dann Türen schließen. Das kann nicht jedes Fahrzeug gleich gut, hier kommt es darauf an, wie zügig die Portale arbeiten. Erstmals bei einem Omnibustest tritt ein Linienbus (von VDL) mit einem Start-Stopp-System an - wie gut funktioniert es? Rechtfertigt der technische Aufwand den Ertrag?

Im Test zeigen sich die Kandidaten mit verschiedenen Talenten. Besonders auffallend: Der VDL Citea LLE aus den Niederlanden beeindruckt mit seinem niedrigen Gewicht, er wiegt gut drei Tonnen weniger als seine Wettbewerber und distanziert diese mit einem beispielhaftem Dieselverbrauch - ohne bei der Kapazität zu sparen. Mit kleinen und leichten Komponenten ist er auf Leichtbau getrimmt, fällt auch mit seinem Reifenformat aus dem Rahmen und fährt auf kleinen und schmäleren 19,5er-Pneus. Der Setra, weil er als Einziger mit schwerer 7,5-Tonnen-Vorderachse antritt, braucht das Format 295/80 R 22,5. Nur der Crossway LE und der Solaris Urbino LE rollen auf regulären 275er-Stadtbusreifen. Als Reifenpartner sorgt Goodyear für neue Testreifen, ein Experte kontrolliert die Reifendrücke exakt.

Was macht ein Omnibus mit niederländischem Kennzeichen an der Haltestelle im bayerischen Marktflecken Oberpframmern? Wartende Fahrgäste sind sichtlich irritiert - so viel Omnibus-Verkehr gibt es hier sonst nie. Die Tester verweisen auf das große Logo an der Front: "Sorry, eine Testfahrt - der reguläre Bus kommt gleich." Auch die hinterher fahrenden Pkw und Lkw, die das Treiben nicht immer prickelnd finden, sind im Bilde: Alle vier Test-Omnibusse sind im Heck mit einem großen "Testfahrzeug"-Aufkleber gekennzeichnet.

Natürlich muss man wissen, wie gut die Low-Entry-Busse bremsen, auch das Verhalten in Extremsituationen wird ausgelotet. Partner sind die Testprofis von Fakt Motion, auf deren professionellem Testgelände bei Memmingen geht es zur Sache. Dieses Mal wird die Testcrew um extreme Diskretion gebeten. "Keine Bilder im Bereich der Kreisbahn", ordnet der Chef vom Dienst an, hier drehen geheime Pkw-Prototypen ihre Bahn. Fürs IBC-Team kein Problem: Die Tester samt Fotograf interessieren sich nur für ihre Nutzfahrzeuge.

Am Ende weiß das IBC-Testteam mehr über die Fahreigenschaften, das Bremsverhalten und die Lautstärke der Low-Entry-Omnibusse. Eine Vielzahl an Fahrten auf praxisgerechten Teststrecken bringt uns verwertbare Ergebnisse. Jeder Fahrer fuhr jeden Bus auf der gleichen Strecke, immer wurden der Kraftstoffverbrauch und die Fahrzeit mit genauen Messgeräten festgehalten. Erst am Ende mit der Kontrolltankung, die unsere Resultate verifiziert, beginnt das große Rechnen. Nicht ohne eine Temperaturkompensation, so akribisch misst sonst nur die Fahrzeugindustrie.

Spannende Erfahrungen machen wir auch bei unserem Werkstatttest, den wir beim renommierten Service-Betrieb AGK im Süden von München durchführen. Die Feldkirchner versorgen Omnibusse verschiedener Marken, sie gelten als erste Adresse in München für Solaris, VDL und Van Hool. Die jüngste Meldung: Auch Iveco und Scania lassen neuerdings ihre Omnibusse bei AGK warten.

Dass Meister Bernhard Steinkirchner die Produkte von Solaris und VDL mit Bestwerten beurteilt, bringt den polnischen Urbino 12 LE nicht weiter nach vorn. Sein wenig leistungsfreudiger Antrieb vermasselt ein besseres Ranking. Er wird Letzter, als einziger Wettbewerber ohne ESP, er tönt auch ziemlich laut in den Innenraum. Eigentlich schade, Solaris baut gute Busse. Aber dieser hier war nicht wettbewerbsfähig.

Ganz anders als der VDL Citea LLE, der sich mit seinen vielen Talenten sogar auf den zweiten Platz in der Eigenschaftswertung schiebt. Der niederländische Linienbus verbrennt den wenigsten Treibstoff, sein Automatikgetriebe hat schon ein Start-Stopp-System, das ausgezeichnet funktioniert. Der VDL bremst auch hervorragend, sein ESP-System liefert gute Ergebnisse. Nur beim Fahrverhalten patzt er - das Testprotokoll spricht von mäßigem Geradeauslauf und unpräziser Lenkung. Den zweiten Platz verliert der Niederländer mit hohen Ersatzteilpreisen - ganz knapp zieht der Setra-Low-Entry noch vorbei.

Der Linienbus aus Neu-Ulm überzeugt mit einem leistungsfähigen Euro 6-Diesel, die nur 7,7 Liter kleine Maschine ist kräftig und ausreichend sparsam. Aber der Setra strapaziert seine Fahrer mit einer seltsam zähen Lenkung, die bei voller Fahrzeugauslastung viel Kraftaufwand fordert. Aber das Daimler-Produkt bremst ziemlich gut und bietet ordentlichen Fahrgastkomfort. An der Haltestelle verschwendet er kostbare Zeit, seine Türen öffnen und schließen nur im Zeitlupentempo. Obwohl er bei der Anschaffung der Teuerste ist, gewinnt er die Wirtschaftlichkeitswertung mit sehr günstigen Ersatzteilpreisen und dem besten Werkstattnetz.

Damit ist der Iveco Crossway LE nicht mehr zu schlagen. Der in Tschechien gebaute Linienbus überzeugt mit dem besten Antrieb, er entscheidet für sich die Disziplinen Fahrwerk und Fahrgastkomfort. Man kann ihm auch sonst wenig Negatives anhängen, einzig sein ESP-System überzeugt uns nur wenig. Er gewinnt die Eigenschaftswertung noch vor dem VDL und geht am Ende mit einem Nice-Preis ins große Finale. Das gewinnt er, und das ist kein Zufall: Iveco fokussiert auf diese Fahrzeugkategorie wie nur wenige - mit einem Fahrzeug, das nicht nur im Test überzeugt.

Wolfgang Tschakert / mid

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