Fahrbericht

Moderne Interpretation eines Pony-Cars

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mid Groß-Gerau - Für so manchen Auto-Liebhaber sicher das Gelbe vom Ei: der Chevrolet Camaro. Jutta Leis / mid

Introvertierte sollten sich anderswo umsehen. Der Chevrolet Camaro ist definitiv kein Auto für Menschen, die sich gerne im Verborgenen halten. Wer sich diesen Ami holt, will auffallen.


Introvertierte sollten sich anderswo umsehen. Der Chevrolet Camaro ist definitiv kein Auto für Menschen, die sich gerne im Verborgenen halten. Wer sich diesen Ami holt, will auffallen.

Die "Henne-Ei-Frage" in den Automobilbereich transferiert könnte so lauten: Was war zuerst da, der Motor oder das Auto? Beim Chevrolet Camaro fällt die Antwort leicht: der Motor. Sein 6,2 Liter großer V8-Zylinder gab die Proportionen vor, denen die Designer eine Muskel-bepackte Coupékarosse schneiderten. Optisch stark angelehnt an den Urahn aus dem Jahr 1966.

Die 1960er und 1970er Jahre waren die Blütezeit der "Pony-Cars". Der Ford Mustang - daher die Ableitung "Pony" - war ihr erster Vertreter. Lange Schnauze, kurzes Heck und ein fetter Motor machten den Charakter dieser eigenwilligen Fahrzeuge aus. Chevrolet baute den Camaro über vier Generationen bis zum vorläufigen Ende 2002. Das Interesse der Käufer hatte stark nachgelassen. Kein Wunder, denn die bis dahin letzte Baureihe machte ihrem breitschultrigen Vorfahren keine Ehre. Umso begeisterter waren die Fans 2009, als die moderne Interpretation des 1966er Modells eine Wiedergeburt feierte. Chevrolet hielt an diesem Thema 2016 bei der sechsten Generation fest. Sie war eine technisch zwar komplett neue, optisch aber stark angelehnte Weiterentwicklung.

Herzstück ist nach wie vor der Saugmotor mit acht Zylindern. Er zieht seine Kraft - der aktuellen Entwicklung zum Downsizing Hohn lachend - aus über sechs Liter Hubraum. Bei dem seit Urzeiten in seiner Basis unveränderten Smallblock von einer modernen Konstruktion zu reden, fällt schwer. Dabei täte man dem Kraftbündel aber unrecht. Turbolader hält er vielleicht für Schnickschnack, aber er kennt immerhin Hochdruckeinspritzung und Zylinderabschaltung. Beides sind nur halbherzige Versuche, den Verbrauch in Grenzen zu halten. Acht Zylinder mit diesem Fassungsvermögen machen den langen Weg ihres Auf und Ab nicht ohne entsprechendes Futter.

13,6 Liter Super plus liefen beim Test durchschnittlich durch die acht Brennräume. Wenn alle Voraussetzungen ideal sind und nicht mehr Gas gegeben wird, als zum Vorwärtskommen unbedingt notwendig, lässt sich der Chevrolet Camaro auch unter neun Liter Sprit bewegen. Aber das ist dann in etwa so, als würde man sein Rennrad den Berg runter schieben.
Spätestens, wenn der V8 auf Knopfdruck zum Leben erwacht und schon im Leerlauf mit diesem arttypischen Wummern auf seine Power aufmerksam macht, wird das Blut des Fahrers - selbst wenn es nur einen kleinen Tropfen Benzin enthält - in Wallung geraten.

Das ist die Ouvertüre, der ein gewaltig trompetendes Achtzylinder-Konzert folgt, während man im bis 6.500 Umdrehungen reichenden Drehzahlband nach oben klettert. Der Vortrieb bleibt gewaltig, während man sich durch die enge Kulisse des Sechsgang-Schaltgetriebes arbeitet. Erst im letzten Gang lässt der Zug nach, denn der ist extrem lang übersetzt.

Die 617 Newtonmeter Drehmoment machen es einfach, auch schaltfaul unterwegs zu sein. Wer das volle Potenzial ausschöpfen will, braucht allerdings Drehzahlen. Sonst wird es nichts mit der Beschleunigung in 4,6 Sekunden auf 100 km/h. Trotzdem sollte man - vor allem in Kurven - vorsichtig mit dem Gaspedal umgehen. Der Camaro liefert zwar mit seiner Leistung und der Differentialsperre gute Voraussetzung für eine extrem sportliche Fahrweise, aber er verlangt auch hohe Aufmerksamkeit. Wer zu früh aufs Pedal geht, muss ein sehr agil mitlenkendes Heck einfangen.

Auch mit den Bremsen sollte man sich eingehend vertraut machen. Sie haben einiges zu tun, wenn die 1,8 Tonnen Gewicht den Camaro auf die Kurve zuschieben. Auf das etwas schwammige Pedalgefühl reagiert man automatisch mit vehementem Druck, der dann in gute Verzögerungswerte mündet.

Das potente Coupé auf Familientauglichkeit zu prüfen, fällt schwer. Denn für die Urlaubsreise wurde es nicht gebaut. Innen kann der Wagen nicht halten, was er von außen verspricht: Bequem ist man nur vorne untergebracht. Im Fond gibt es zwar noch zwei Sitznischen, doch die sollte man Erwachsenen nicht für lange Strecken zumuten. Über das Fassungsvermögen seines durch dicke Hinterräder eingeschränkten Gepäckabteils schweigt sich Chevrolet in den technischen Daten sogar aus.

Der Preis liefert keinen Grund zu schweigen. Ein Achtzylinder-Coupé für 47.400 Euro ist eine Offerte, für die es nur einen vergleichbaren Konkurrenten gibt: den Ford Mustang GT (46.000 Euro). Wer - warum auch immer - keinen Achtzylinder will, nimmt den 40.400 Euro teuren und 275 PS starken Vierzylinder.

Dieter Schwab / mid

Technische Daten, Chevrolet Camaro V8:
Zweitüriges Sportcoupé, Länge/Breite,/Höhe/Radstand in Meter: 4,78/1,90/1,34/2,81, Leergewicht: 1.659 kg, Zuladung: 461 kg, Tankinhalt: 72 l, Bereifung vorne: 245/40ZR20, hinten: 275/35ZR20, Preis: 47.400 Euro.

Motor: Achtzylinder, Hubraum: 6.162 ccm, Leistung: 333 kW/453 PS bei 5.700 U/min, max. Drehmoment: 617 Nm bei 4.600 U/min, Beschleunigung 0 bis 100 km/h: 4,6 s, Höchstgeschwindigkeit: 290 km/h, Normverbrauch: 12,8 l je 100 km, CO2-Ausstoß: 292 g/km, Testverbrauch: 13,8 Liter.

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