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Gewalt und Chaos überschatten Parlamentswahl in Afghanistan

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Wählerin in einem Wahllokal in Herat Bild: AFP

Gewalt und Chaos haben die Parlamentswahl in Afghanistan überschattet. Bei Anschlägen und Angriffen gab es am Samstag mindestens 170 Tote oder Verletzte. Die islamistischen Taliban hatten zum Boykott aufgerufen und mit Gewalt gedroht.

Anschläge und Chaos haben am Samstag die Parlamentswahl in Afghanistan überschattet. Fast 170 Afghanen wurden nach amtlichen Angaben getötet oder verletzt. In der Hauptstadt Kabul sprengte sich ein Selbstmordattentäter in einem Wahllokal in die Luft. Er riss mindestens 15 Menschen mit in den Tod und verletzte 20 weitere. Auch aus anderen Landesteilen wurden Angriffe gemeldet. Viele Wahllokale blieben wegen fehlender Wahlhelfer und technischer Probleme zunächst geschlossen.

Unter den Opfern des Selbstmordanschlags seien Zivilisten, Wahlhelfer und Polizisten, sagte ein Polizeisprecher. Der Attentäter habe einen Sprengstoffgürtel gezündet. Die italienische Hilfsorganisation Emergency teilte mit, in ihr Krankenhaus in Kabul seien 37 Menschen eingeliefert worden, darunter auch ein totes Kind. Wähler flohen nach einer Explosion aus einer Schule im Norden der Hauptstadt, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Augenzeugen berichteten zudem von weiteren Explosionen bei mehreren anderen Wahllokalen in Kabul.

Die islamistischen Taliban hatten alle Bürger zum Boykott der Abstimmung aufgefordert und mit Angriffen gedroht. In mehreren Provinzen explodierten am Samstag Bomben in der Nähe von Wahllokalen. Auf die nördliche Stadt Kundus wurden nach Polizeiangaben mehr als 20 Raketen abgefeuert. Drei Menschen wurden getötet und 39 verletzt. Bei einem Taliban-Angriff auf ein Wahllokal einige Kilometer von Kundus entfernt wurde ein Angestellter der Unabhängigen Wahlkommission getötet. Aus der westlichen Provinz Herat und der östlichen Provinz wurden ebenfalls Angriffe mit Toten und Verletzten gemeldet.

Auch organisatorische Mängel beeinträchtigten die Abstimmung, vielerorts verzögerte sie sich. Viele Wahllokale öffneten verspätet oder gar nicht. Wegen der Verzögerungen sollten die betroffenen Wahllokale vier Stunden länger geöffnet bleiben als geplant. Wahllokale, die bis mittags noch geschlossen waren, sollten zudem am Sonntag noch einmal öffnen, wie die Wahlkommission ankündigte.

"Ich bin früh gekommen, um schnell fertig zu sein und wieder nach Hause zu gehen", sagte der 42-jährige Mustafa, der eine Stunde lang vor einem Wahllokal in einer Moschee in Kabul wartete. Die Abstimmung habe aber noch gar nicht begonnen, und die Schlange werde immer länger. "Wir haben Angst, von einem Attentäter oder einer Explosion getroffen zu werden", sagte der Mann.

Der Wähler Tabisch Forugh musste sogar vier Stunden anstehen. Noch nie habe er bei einer Wahl in Afghanistan so ein Chaos erlebt, schrieb er im Onlinedienst Twitter. Der Student Mohammed Alem aus Masar-i-Scharif berichtete, er habe drei Stunden vergeblich gewartet, weil sein Name nicht auf der Wählerliste gestanden habe. Er habe zudem Probleme mit den Geräten zur biometrischen Wählererfassung gegeben: Die Batterien seien schnell leer.

Rund 8,9 Millionen registrierte Wähler waren dazu aufgerufen, ein neues Parlament zu bestimmen. Ersten Zahlen zufolge beteiligte sich davon ein Bruchteil, 1,5 Millionen, an der Wahl in insgesamt 27 Provinzen.    

Bereits im Wahlkampf war es zu mehreren tödlichen Angriffen gekommen, mindestens zehn Kandidaten wurden dabei getötet. Am Donnerstag war Kandahars Polizeichef Abdul Rasik bei einem Taliban-Anschlag getötet worden. Die Abstimmung in der südlichen Provinz wurde daher um eine Woche verschoben.

Präsident Aschraf Ghani forderte die Bürger trotz der angespannten Sicherheitslage dazu auf, zur Wahl zu gehen. "Alle Afghanen, Junge und Alte, Frauen und Männer" sollten ihr Wahlrecht ausüben, sagte er bei der Stimmabgabe in Kabul.

Mehr als 2500 Kandidaten bewarben sich um die 249 Sitze im Unterhaus, unter ihnen Ärzte, Mullahs und Journalisten. Die Ergebnisse der Wahl, die als Test für die im April geplante Präsidentschaftswahl gilt, sollen am 10. November verkündet werden. 

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