Technologie

Smart und energieautark: Das neue Wohnen

img
@ geralt (CC0-Lizenz)/ pixabay.com

.

Im schwedischen Vårgårda entsteht zurzeit die erste vollständig energieautarke Wohnanlage der Welt. Ein fertiggestellter Block mit 30 Wohnungen werde bereits vollständig mit Sonnenenergie versorgt, teilte das Unternehmen Nilsson Energy Ende Dezember mit. Am Ende sollen sechs Blöcke mit insgesamt 172 Wohnungen ihren Strom und ihre Wärme vom eigenen Dach beziehen, kündigte der Unternehmenssprecher Nicolai Faaborg an. Die Entwicklung geht schnell voran, nicht nur im Norden Europas. Smarte Technologien zur Verbesserung der Energiebilanz halten auch in Deutschland Einzug.

Energieeffizienz ist eine globale Verantwortung

Fast alles, was wir täglich tun, benötigt Energie. Die Nachfrage der Weltbevölkerung nach fossilen Energieträgern wie Erdöl und Erdgas steigt. Doch eines Tages werden sie aufgebraucht sein. Außerdem trägt die Verbrennung zur globalen Erderwärmung bei. Sollten die fossilen Brennstoffe komplett verbraucht werden, hätte das zerstörerische Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen ebenso wie auf Ökosysteme, Wirtschaft und viele andere Bereiche. Deshalb muss die Nutzung fossiler Energie reduziert werden. Ein erheblicher Teil des Bedarfs dient der Heizung von Gebäuden sowie der Erzeugung von Warmwasser und elektrischem Strom. In diesen Bereichen kann durch den Einsatz effizienterer und smarter Technologien sowie nachhaltiger Energieformen gespart werden.   
Ein besonders geeignetes Mittel sind Gebäude, die so viel Energie herstellen, wie ihre Bewohner verbrauchen. Das Konzept nennt sich Energieautarkes Wohnen. Das bedeutet, dass Strom, Heizwärme und Warmwasser direkt im oder am Haus produziert werden. Das geschieht in der Regel durch Solarstrom, Erdwärme oder Luft, also erneuerbare Energien. Meist werden mehrere Energieformen miteinander kombiniert, um das Gebäude autark zu machen.
Für den Eigentümer reduziert das die Heiz- und Stromkosten deutlich. Denn auf das öffentliche Netz wird nur bei Ausfall der internen Versorgung zurückgegriffen. Der Vorteil für die Volkswirtschaft: Die Übertragungsverluste durch das Strom- und Gasnetz werden vermieden. Dadurch verringert sich auch der Aufwand an Investitionen und insgesamt der Energieverbrauch. Heute ist das Versorgungssystem von Gebäuden in der Regel auf zentrale Versorgung ausgerichtet. Zentrale und dezentrale Systeme schließen sich jedoch nicht aus. Im Gegenteil, sie können sich gegenseitig absichern und ergänzen.

Energieexperte: „Intelligent verschwenden“

Timo Leukefeld ist der Energiebotschafter der Bundesregierung. Der Professor fordert ein radikales Umdenken. Das Konzept Energieautarkie müsse heute Teil der Planung von Bau- und Sanierungsprojekten sein: „Wir müssen Wärme, Strom und Mobilität in einem Zusammenhang planen - politisch, wirtschaftlich und auch aus Verbrauchersicht, um die Synergieeffekte zu erhalten“, sagte Leukefeld im August in einem Interview mit der Regionalen Kompetenzstelle Netzwerk Energieeffizienz (KEFF). Durch Kooperationen über die Grenzen von Branchen hinweg sollten neue Geschäftsmodelle entstehen. Energieversorgungsunternehmen könnten sich zum Beispiel selbst am Hausbau beteiligen, um die notwendige Technik einzubauen. An den Endverbraucher könnte das Gesamtpaket über einen Flatrate-Tarif vermarktet werden, schlägt Leukefeld vor.
Das energieautarke Haus ist keine neue Bauweise, sondern ein Baustandard. Durch den werden spezifische Anforderungen an Architektur, Ökologie und Technik festlegt. Die sind grundsätzlich auf verschiedene Gebäudetypen anwendbar. Ein energieautarkes Gebäude bietet im Winter wie im Sommer angenehme Temperaturen in den Räumen, ohne dass dafür ein separates Heizungssystem oder eine herkömmliche Klimaanlage nötig wären. Der Strombedarf für Geräte wie Wärmepumpen, Waschmaschinen, Computer und ähnliches wird nach Möglichkeit intern erzeugt. Smarte Technologien überwachen den Verbrauch. Das Ergebnis: Komfort und Umweltfreundlichkeit.

Auch wer nachrüstet, spart

Doch was tun, wenn man nicht neu bauen kann oder möchte? Auch bestehende Immobilien lassen sich durch intelligente Technologien nachrüsten. Smarte Steckdosen beispielsweise sind eine einfache Möglichkeit, die Energiekosten von Haushaltsgeräten zu erfassen. Beleuchtungssysteme und Thermostate lassen sich über Smartphone-Apps steuern. Im Fachhandel sind heute durchaus günstige Systeme erhältlich. Die lassen sich über das Internet der Dinge miteinander verbinden. Dazu gibt es verschiedene Standards, bekannte Beispiele sind WLAN oder Bluetooth. Generell ist auch die Kombination von Einzelgeräten unterschiedlicher Hersteller möglich. So kann man nach und nach ein komplexes System bauen. Allerdings sollte man beim Einrichten gezielt vorgehen, um Effizienz zu gewährleisten und – nicht zuletzt –Sicherheitslücken zu vermeiden.
„Ein effizientes Energiemanagement muss genau geplant sein“, sagt der Berliner Immobilienmakler René Pernull von der DWH AG. Sein Unternehmen optimiert Häuser und Wohnungen durch den Einbau smarter Technologien. Die beste Lösung sei der Einbau einer leistungsfähigen Plattform an einer zentralen Stelle wie dem Sicherungskasten, meint der Experte. Ein solches System ermöglicht die systematische Kontrolle von Energieverbrauch und Raumklima. Außerdem vernetzt es die Beleuchtungs- und Unterhaltungstechnik im gesamten Gebäude. Mittels spezieller Sensoren stellt das smarte Haus zum Beispiel fest, wie hell das Sonnenlicht ist und reguliert die Stärke des künstlichen Lichtes entsprechend. Sensoren können sogar erkennen, in welchem Raum sich ein Bewohner gerade aufhält. Dort werden automatisch Licht und Musikanlage eingeschaltet, in anderen Zimmern bleiben sie aus.

Staatliche Förderung für energieeffiziente Anlagen

„Hausbesitzer können für die Nachrüstung smarter Technologie in vielen Fällen eine Förderung erhalten“, rät Pernull. Tatsächlich gibt es zwar keine direkten Förderprogramme für Smart Homes. Aber über den Umweg des altersgerechten Bauens können Bauherren bei der staatlichen KfW-Bank eine Finanzierung und einen Zuschuss für den Einbau von bestimmten Technologien beantragen. Damit lässt sich bares Geld sparen.
Wer einen energieeffizienten Neubau errichtet oder eine Bestandsimmobilie saniert, kann sogar noch vorteilhaftere Kredite und Investitionszuschüsse erhalten. Und langfristig kann ein vollständig energieautarkes Haus durchaus Gewinne erwirtschaften. Zum Beispiel kann ein Hauseigentümer regionalen Energieversorgern Teile seiner Speicher zur Verfügung stellen, die er gerade nicht benötigt. Der Versorger lagert Energieüberschüsse ein und bezahlt dafür. Das entlastet das öffentliche Stromnetz und erhöht dessen Stabilität. Dadurch sinken die Kosten für die Netzabsicherung. Außerdem können Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien besser ausgelastet werden.
Die neuen Technologien ermöglichen die Vernetzung kleiner und großer Energieproduzenten und weitere innovative Geschäftsmodelle wie Energie-Flatrates für Mietwohnungen. So entsteht eine Win-Win-Situation, von der Hausbesitzer, die Gesellschaft und letzten Endes das Weltklima gleichermaßen profitieren.

STARTSEITE