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Stahlindustrie 4.0: Eine traditionell analoge Branche im Umbruch

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@ Martinelle (CC0-Lizenz)/ pixabay.com

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Steht eine Branche für gewachsene Traditionen und analoges Arbeiten, dann ist es der Stahlhandel: Hier wird noch per Telefon oder Fax bestellt, was den Informationsfluss oft genug hemmt. Digitale Daten sind bislang Mangelware, jedwede Digitalisierungsstrategie steht vor große Hürden. Dass und wie es funktioniert, zeigt ein Vorreiter.

Amazon, Alibaba & Co. machen es vor, was Digitalisierung unter dem Strich heißt: Alle Schritte einer Leistungs- und Lieferkette werden digital abgebildet und lassen sich so intelligent steuern - die Effizienz steigt im Vergleich zur analogen Welt um ein nie gekanntes Maß. Geht eine Bestellung ein, kann diese innerhalb weniger Sekunden verarbeitet werden - bis hin zum Abruf beim eigentlichen Hersteller. Die notwendigen Lagerkapazitäten reduzieren sich, moderne Logistik-Systeme realisieren die Auslieferung innerhalb kürzester Frist. Was als neuer Ansatz in verschiedenen Branchen schon heute Realität ist, stellt andere vor große Herausforderungen. Ein prägnantes Beispiel: der Stahlhandel und damit eine reife Industriebranche.

Analoge Tradition trifft auf Megatrend: Stahlhandel wird digitalisiert

Seit mehr als 50 Jahren hat sich im Stahlhandel nichts Grundlegendes geändert: Die Kunden bestellen telefonisch, per Fax oder auch per E-Mail, die Bestellungen werden manuell verarbeitet. Es gibt zwar einige Ansätze, die das Bestell- und Prozessmanagement digitalisieren sollen, doch schon die Datenlage stellt sich als Problem dar: Die nur in geringem Umfang vorhandenen digitalen Daten lassen naturgemäß nur bedingt die notwendige Auswertung zu, sodass sich weder der konkrete Bedarf an Stahl ermitteln, noch ein direkter Einfluss auf die Produktionssteuerung nehmen lässt. Die logische Folge: Zwischen Bestellung, Herstellung und Auslieferung an den Kunden vergeht zu viel Zeit, was ebenso hohe Kosten verursacht wie das regelmäßig notwendige Umlagern der Produkte - hier wird unter dem Strich eine Menge Kapital gebunden.

Fakt ist: Angesichts des Drucks, dem sich die gesamte Stahlindustrie nicht zuletzt durch billige Angebote aus Fernost, aber eben auch durch die Internet-Giganten Amazon, Google & Co. ausgesetzt sieht, ist eine solche Ineffizienz auf Dauer nicht tragbar. Hier ist Initiative gefragt, denn die Digitalisierung eröffnet insbesondere auch der Stahlbranche ein enormes Optimierungspotenzial. Die traditionelle Branche kann hier einiges von den Startups abschauen, auch wenn die sich vielleicht in ganz anderen Branchen bewegen. Das Typische ist doch das Procedere: Design Thinking, agile Produktentwicklung sowie die Möglichkeit des Scheiterns - hinter diesen Schlagwörtern verbergen sich interessante Ansätze, die notwendige Transformation unter neuen Gesichtspunkten anzugehen und so auch schnell genug zu innovativen Ergebnissen zu gelangen - von der Verwaltungs-, Verkaufs- und Personalplanung über die Steuerung der Produktion bis hin zur Logistik.

Erste Erfolgsgeschichten bei digitalen Vorreitern im Stahlhandel

Eines stellt sich schon heute ganz klar heraus: Die digitale Transformation der Stahlbranche kann nur funktionieren, wenn einerseits die Chefetage das Vorhaben nicht nur mitträgt, sondern mit gutem Beispiel vorangeht, andererseits die benötigen Kompetenzen zur Verfügung stehen, in Kooperationen gebündelt und alle Schritte intelligent kommuniziert werden. Vor allem die seit Jahrzehnten gewachsenen, starren und oftmals überholten Hierarchien erweisen sich als nicht zu unterschätzendes Hemmnis, denn insbesondere bei derart umfassenden Veränderungsprozessen müssen alle Abteilungen offen und direkt miteinander kommunizieren können. Ebenso schwierig ist der etablierte Umgang mit Fehlern: Fehlschläge sind bei Optimierungsprozessen oder Implementierungen neuer Systeme keineswegs nur als Rückschläge zu werten, sondern vielmehr als Chancen zu verstehen, die Strategien anzupassen und somit zu verbessern.

Mit dieser Herangehensweise macht ein Traditionsunternehmen der Stahlbranche von sich reden, nämlich die Klöckner & Co SE in Duisburg. Schon 2015 gründete der Stahlhändler seinen eigenen Innovation Hub in Berlin, um unter dem Label Klöckner die entscheidenden Digitalisierungsimpulse für den Mutterkonzern zu generieren. So existieren heute einige Plattformen, die die Geschäfte deutlich erleichtern, wie beispielsweise ein Kontraktportal, über das alle Daten zu Aufträgen und Verträgen abzurufen ist, oder der Online-Shop, das den etablierten Kunden das Ordern von Produkten zu den vereinbarten Konditionen erlaubt. So kann das Unternehmen einerseits an neuen Produkten arbeiten, aber andererseits die vorhandenen auch feiner auf die jeweiligen Bedürfnisse zuschneiden. Die Reportings eröffnen nicht nur die Möglichkeit, wichtige Daten zu Kundenverbindungen oder zum Kundenverhalten auszuwerten, sondern die Tools an sich einer ständigen Optimierung zu unterziehen.

Digitalisierung ganzheitlich verstehen

Das Potenzial der digitalen Transformation ist enorm und reicht deutlich über neue Dienstleistungen und Services hinaus. Vielmehr eröffnet sich die Chance, wichtige Prozesse neu zu kreieren, Arbeitsorganisationen zu optimieren und die Hierarchien flacher zu gestalten - ganze Geschäftsmodelle werden sich grundlegend verändern. Davon dürfte auch die Stahlindustrie profitieren, wenn online verarbeitete Bestellungen ohne Verzögerung in der Produktion umgesetzt und von einem stringenten Logistiksystem zur Auslieferung gebracht werden - und das exakt nach Kundenwunsch.

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