Ukraine

Duell der Präsidentschaftskandidaten im Kiewer Fußballstadion

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Die Nationalgarde sichert das Olympiastadion. Bild: AFP

Außergewöhnlicher Höhepunkt für einen außergewöhnlichen Wahlkampf: Im Olympiastadion von Kiew stehen sich am Freitag die beiden Bewerber um das Amt des ukrainischen Präsidenten zu einer Debatte gegegnüber.

Außergewöhnlicher Höhepunkt für einen außergewöhnlichen Wahlkampf: Im Olympiastadion von Kiew stehen sich am Freitag die beiden Bewerber um das Amt des ukrainischen Präsidenten in einer Debatte gegenüber. Zwei Tage vor der Stichwahl findet so ein Wahlkampf seinen Höhepunkt, wie ihn das Land und seine 45 Millionen Einwohner zuvor noch nie erlebt haben.

Wo sonst die Stürmer von Dynamo Kiew ihre Tore schießen, treten am Freitag ab 16.00 Uhr Ortszeit (18.00 Uhr MESZ) Petro Poroschenko und Wolodymyr Selenskyj gegeneinander an. Zehntausende Wähler können den Schlagabtausch zwischen dem amtierenden Präsidenten und seinem populärem Herausforderer vor Ort verfolgen: Die Arena in der ukrainischen Hauptstadt bietet Platz für rund 70.000 Zuschauer. Schon Stunden vor Beginn sicherte die Nationalgarde das Olympiastadion.

Die Idee einer öffentlichen Debatte zwischen den beiden Kandidaten stammt von Poroschenko, Selenskyj hatte dann ein Fußballstadion als Ort ins Gespräch gebracht. Die Vorbereitungen nahmen zeitweise absurde Züge an: So bestand Selenskyj unter anderem darauf, dass beide Männer vor der Debatte einen Drogentest ablegen - nur einer von vielen ungewöhnlichen Momenten des Wahlkampfs. 

In den Umfragen liegt der 41-jährige Komiker Selenskyj derzeit klar vor Amtsinhaber Poroschenko. Mehr als 70 Prozent der Wähler wollen ihm demnach bei der Stichwahl ihre Stimme geben. Schon bei der ersten Wahlrunde hatte Selenskyj deutlich vorne gelegen, Poroschenko erreichte nur etwa halb so viele Stimmen und kam als klarer Zweiter in die nächste Runde. 

Der Showdown im Stadion ist der einzige Wahlkampftermin, bei dem sich die beiden Bewerber gegenüberstehen. Einem Fernsehduell hatte sich Selenskyj stets verweigert - getreu seiner Wahlkampfstrategie, klassische Medien weitgehend zugunsten von Online-Videos links liegen zu lassen.

So hatte der Fernsehauftritt, bei dem er am Donnerstagabend sein Team für eine Regierung vorstellte, denn auch Seltenheitswert. "Ich bin kein Feigling", sagte er und reagierte auch auf Äußerungen Poroschenkos, wer seinen Herausforderer wähle, kaufe die Katze im Sack: "Besser eine Katze im Sack als ein Wolf im Schafspelz", erwiderte Selenskyj.

Poroschenkos Wahlkampf war zwar deutlich traditioneller als der seines Herausforderers, auch er wollte aber nicht auf die Macht der Online-Netzwerke verzichten. "Ich gebe nicht auf", schrieb er am Donnerstagabend bei Facebook. Einen Fernsehauftritt am selben Abend nutzte Poroschenko, um sich bei den Wählern für seine Fehler zu entschuldigen und noch einmal vor den Gefahren zu warnen, die seiner Meinung nach einer Ukraine unter der Führung Selenskyjs drohen. 

Angesichts des Konflikts mit dem übermächtigen Nachbarn Russland sei es "sehr riskant, mit dem Amt des Präsidenten und Oberbefehlshaber der Streitkräfte Experimente zu machen", sagte Poroschenko.

Der Amtsinhaber hat sich stets als der einzige Kandidat präsentiert, der Russlands Präsident Wladimir Putin die Stirn bieten könne. Beobachter gehen davon aus, dass er das Stadion-Duell nutzen wird, um noch einmal die politische, diplomatische und militärische Erfahrung zu demonstrieren, die er während seiner Amtszeit gesammelt hat.

Zudem wird erwartet, dass er seinem politisch unerfahrenen Gegner dessen Nähe zum umstrittenen Oligarchen Igor Kolomojski vorwirft. Selenskyj wiederum wird den Präsidenten wohl vor allem wegen der Korruption angreifen, die in der Ukraine nach fünf Jahren unter der Führung Poroschenkos immer noch weit verbreitet ist. 

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