Motorsport

Motorrad-Star im Tourenwagen: Wo bitte ist der Rückwärtsgang?

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mid Misano - Motorrad-Star Andrea Dovizioso kriegt auch im Tourenwagen die Kurve. Audi

Motorrad-Rennfahrer Andrea Dovizioso hat seine Ducati gegen einen Audi-Tourenwagen eingetauscht. Der Motor-Informations-Dienst (mid) war in Misano dabei, als der 33-Jährige auf vier statt auf zwei Rädern unterwegs war.


Andrea Dovizioso ist ein Virtuose auf dem Motorrad. Der Italiener kennt keine Angst, keine Skrupel, rast mit 350 km/h auf die Kurve zu. Man sieht es ihm mit seinen 1,67 Metern nicht unbedingt auf den ersten Blick an, auch seine ruhige Art, mit der er über den Sport spricht, gibt keinen Hinweis auf dieses extreme Draufgänger-Gen.

Doch Rennfahrer bekommen wegen dieses Gens nie genug. Weshalb der Vizeweltmeister auf zwei Rädern es jetzt auch mal auf vier Rädern wissen wollte und in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) als Gaststarter in einem Tourenwagen saß: im italienischen Misano an Adriaküste, 70 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Ein Heimspiel also. Der Motor-Informations-Dienst (mid) war vor Ort, um sich Doviziosos Auftritt in einem Audi RS 5 DTM des Kundenteams WRT anzuschauen.

Klar war vorher: Die Herausforderung für den 33-Jährigen ist groß. Man könnte anführen: Rennfahrer ist doch Rennfahrer, oder? Ja, das stimmt sogar. Allerdings ist es ein Unterschied, ob man sich in den 610 PS starken Tourenwagen setzt, die Power verbunden mit hohem Abtrieb spürt, ein Dach über dem Kopf hat, dazu ein ganz anderes Fahrverhalten, eine andere Ideallinie, eine völlig neue Herausforderung angeht als auf dem Motorrad. Oder ob man das auch noch im laufenden Meisterschaftsbetrieb macht, mittendrin ist, gegen die besten Tourenwagen-Piloten.

Doch Dovizioso meistert die ungewöhnliche Mutprobe erstaunlich gut. Er hatte im Vorfeld zwei Tage getestet, bekam mit DTM-Legende Mattias Ekström einen erfahrenen Coach an die Seite gestellt und ist selbst mit reichlich Ehrgeiz ausgestattet, um nicht nur ein bisschen mitzufahren und ins Publikum zu winken.

Die Intention der DTM ist klar: Sie will durch die Gaststarter mit großen Namen Aufmerksamkeit generieren, vor allem bei wenig frequentierten Gastspielen wie in Misano. 2018 fuhren DTM-Legende Mattias Ekström, Motorsport-Ikone und Paralympics-Sieger Alessandro Zanardi sowie Rallye-König Sebastien Ogier als Gaststarter mit. Man muss nach in Misano aber festhalten: Leer blieben die Tribünen aber auch trotz Dovizioso.

Dabei sorgte er für beste Unterhaltung. Mit einer starken Leistung, den Plätzen 12 und 15 unter 18 Fahrern in beiden Rennen, konstanten und schnellen Runden, wenig Respekt vor den etablierten Piloten, sehenswerten Manövern - und auch der charmanten Hilflosigkeit eines Rookies. Im Qualifying flog er auf kalten Reifen ins Kiesbett ab - und kam nicht mehr raus, weil er den Rückwärtsgang nicht fand. Für einen Stammfahrer peinlich, bei Dovizioso einfach der fehlenden Erfahrung geschuldet.

"Ich habe es sehr genossen. Die Unterstützung war wirklich phänomenal, von Audi, vom Team, damit wir es schaffen, gemeinsam schnell zu sein", sagte er. "Das Level der Fahrer ist generell hoch. Das Auto ist schwer zu fahren, das braucht einfach Zeit, aber das ist normal. Ich habe am Anfang viele Fahrer überholt, aber am Ende hatte ich nicht den Speed, um wirklich gegen sie zu kämpfen." Im zweiten Rennen sorgte er mit einem Highspeed-Dreher für eine Schrecksekunde. Seine lockere Antwort auf die Frage per Funk, was passiert sei: "All good." Alles gut also. Was ist schon ein Dreher bei 240 km/h, wenn man 350 km/h gewöhnt ist?

Die DTM ist dafür bekannt, ein Rennwochenende zuzupflastern: mit Besprechungen, Pressekonferenzen, Interviews, Autogrammstunden, Meetings. Immer wieder Meetings. Für Dovizioso waren die eine echte Qual. "Ich habe mehr Meetings gemacht als mit Ducati in einem ganzen Jahr. Irgendwann habe ich einfach aufgehört. Ich bin das nicht gewohnt, das war zu viel für mich."

Vom Tourenwagen hat er aber noch nicht genug. Motorrad-Megastar Valentino Rossi hat einen Gaststart angekündigt, Doviziosos Rivale. Kommt es 2020 dann zum Gaststarter-Duell? "Warum nicht? Das kann ein schöner Kampf werden", sagte Dovizioso. Rennfahrer bekommen eben nie genug.

Andreas Reiners / mid

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