Frankreich

Französisches Atomkraftwerk Fessenheim endgültig abgeschaltet

  • AFP
  • In POLITIK
  • 30. Juni 2020, 13:49 Uhr
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Das nun stillgelegte Akw in Fessenheim Bild: AFP

Nach langjährigem Druck aus Deutschland und der Schweiz hat Frankreich sein ältestes Atomkraftwerk am Oberrhein endgültig abgeschaltet. Der zweite und letzte Reaktor im elsässischen Fessenheim ging in der Nacht zu Dienstag vom Netz.

Nach langjährigem Druck aus Deutschland und der Schweiz hat Frankreich sein ältestes Atomkraftwerk am Oberrhein endgültig abgeschaltet. Der zweite und letzte Reaktor im elsässischen Fessenheim ging in der Nacht zu Dienstag nach rund 43 Jahren Betrieb vom Netz, wie der Betreiber Electricité de France (EDF) bestätigte. Umweltschützer reagierten erleichtert, in Frankreich gab es aber auch scharfe Kritik.

Der zweite Reaktor in Fessenheim wurde einige Stunden früher als angekündigt vom Netz genommen. Block eins ist bereits seit dem 22. Februar abgeschaltet. Die beiden Druckwasserreaktoren hatten seit Inbetriebnahme 1977 im Schnitt elf Milliarden Kilowattstunden Energie pro Jahr geliefert. Das entspricht rund 70 Prozent des Stromverbrauchs im Elsass.

Deutsche und französische Atomkraftgegner feierten gemeinsam das Ende des Meilers. An einer Grenzbrücke über den Rhein versammelten sich rund hundert Aktivisten. Kernkraftgegner feierten auch auf einem Rhein-Schiff und in Altbreisach auf der deutschen Flussseite. 

Von einem "historischen Tag für den Umweltschutz" sprach der Vorsitzende der französischen Grünen, Julien Bayou. Die Abschaltung kam nur einen Tag nach dem Triumph seiner Partei Europe Ecologie Les Verts (EELV) bei den Kommunalwahlen. Er betonte, das Atomkraftwerk Fessenheim sei 1977 "in einem Erdbebengebiet mit Überschwemmungsrisiko" am Rhein gebaut worden.

Die Regierungspräsidentin von Freiburg im Breisgau, Bärbel Schäfer, äußerte sich auf dem Kurzbotschaftendienst Twitter "erleichtert" über das Aus für das Kraftwerk im nur 30 Kilometer entfernten Fessenheim. Dies bedeute "mehr Sicherheit und mehr Lebensqualität" für die Menschen in der Grenzregion. Die Organisation Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs verwies auf die "weit mehr als 200 meldepflichtigen Vorfälle" in der Geschichte des Akws.

Frankreich hält dennoch an der Atomkraft fest, wie Wirtschaftsminister Bruno Le Maire betonte. Die Kernenergie helfe dabei, "weniger CO2 auszustoßen" und sei ein "strategischer Trumpf", sagte er im Fernsehsender BFM-TV. Nach der Abschaltung des Akw Fessenheim sind in Frankeich noch 56 Reaktoren in Betrieb, die für 71 Prozent der Stromproduktion stehen. Das ist ein weltweiter Rekord.

Die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima vor gut neun Jahren und der GAU in Tschernobyl 1986 hatten in Frankreich nicht zu einer Grundsatzdiskussion geführt. Die Atommacht Frankreich versteht die Kernenergie als Garant ihrer Unabhängigkeit. Sie sieht sich in der Tradition des früheren Staatspräsidenten Charles de Gaulle, der vor gut 60 Jahren den ersten Atombombentest in der algerischen Wüste veranlasste.

Der pro-europäische Präsident Emmanuel Macron hatte das Aus für das Atomkraftwerk Fessenheim als Signal an Deutschland und die Schweiz zugesagt. Ursprünglich war die Abschaltung bereits für Ende 2016 geplant, der damalige Staatschef François Hollande brach seine Zusage aber. 

Paris begründete dies damals mit Verzögerungen beim Bau eines neuen Reaktors im nordfranzösischen Flamanville. Dieser kann wegen massiver Bedenken der Atomaufsicht frühestens Ende 2022 ans Netz gehen. Wegen des Debakels bei dem einstigen Prestigeprojekt hat Frankreichs Regierung die Entscheidung über den Bau von bis zu sechs neuen Reaktoren vom gleichen Typ vertagt.

In Fessenheim wird es noch bis 2023 dauern, bis die abgebrannten Brennelemente entfernt sind. Danach dürften bis zum endgültigen Rückbau der Druckwasserreaktoren weitere 17 Jahre vergehen. An dem Standort soll ein deutsch-französischer Technologiepark entstehen.

In der elsässischen Region gab es starken Widerstand gegen die Entscheidung aus Paris. Bis zu 2500 Menschen in Fessenheim fürchten um ihren Lebensunterhalt. "Was hier geschieht, ist unmenschlich", erklärte die französische Gewerkschaft CGT. 

Auch aus dem rechten politischen Lager kam scharfe Kritik: Die Rechtspopulistin Marine Le Pen nannte die Abschaltung einen "Angriff auf die Souveränität" Frankreichs.

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