Luftfahrt

Lufthansa stellt Mitarbeiter in Deutschland auf betriebsbedingte Kündigungen ein

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Sitze eines Airbus A 340 der Lufthansa Bild: AFP

Trotz massiver Staatshilfen schließt die Lufthansa betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland nicht mehr aus. Das Ziel, diese zu vermeiden, sei in der Corona-Krise 'auch für Deutschland nicht mehr realistisch', erklärte der Konzern am Donnerstag.

Trotz massiver Staatshilfen schließt die Lufthansa betriebsbedingte Kündigungen auch in Deutschland nicht mehr aus. Nach dem "schleppenden Verlauf" der Verhandlungen über Krisenvereinbarungen mit den Gewerkschaften sei keine Lösung erkennbar, "wo wir komplett auf Kündigungen verzichten können", sagte Konzernchef Carsten Spohr am Donnerstag. "Harte und schmerzhafte Einschnitte" seien nötig. Infolge der Corona-Pandemie verzeichnete die Lufthansa das schlechteste Quartalsergebnis ihrer Geschichte.

Die Auswirkungen auf den Luftverkehr seien "noch gravierender und noch nachhaltiger, als wir im Frühjahr angenommen hatten", erklärte der Konzernvorstand in einem Brief an die Beschäftigten. "Auf diese Situation können wir nicht mit den Methoden, Prozessen und Zeithorizonten der Vergangenheit reagieren. Uns bleibt keine andere Wahl, als uns viel schneller und stärker zu verändern": Die Lufthansa müsse kleiner, günstiger und effizienter werden.

"Unter anderem werden wir in den kommenden Wochen über die endgültige Stilllegung einzelner Flugzeugtypen und Teilflotten entscheiden", kündigte das Management an. Alle Maßnahmen würden mit den Gewerkschaften abgestimmt. "Betriebsbedingte Kündigungen können wir aber überall dort, wo Modelle und Vereinbarungen zur Kompensation von Überkapazitäten fehlen, nicht mehr ausschließen."

Ein neues und konzernweites Restrukturierungsprogramm sieht unter anderem den Abbau von weltweit insgesamt 22.000 Vollzeitstellen vor. Die Zahl der Führungskräfte im Konzern soll Unternehmensangaben zufolge um 20 Prozent reduziert werden. Ende Juni beschäftigte die Lufthansa weltweit nach eigenen Angaben 129.400 Mitarbeiter und damit knapp 8300 weniger als ein Jahr zuvor - "jedoch fast ausschließlich durch Stellenstreichungen im Ausland".

Der Vorstand nannte es am Donnerstag bedauerlich, dass sich die Lufthansa bislang mit keiner deutschen Gewerkschaft auf Einsparungen beim Personal habe einigen können. Zumindest mit Verdi sind am Freitag aber neue Gespräche geplant, wie die Dienstleistungsgewerkschaft mitteilte. 

Sie vertritt nach eigenen Angaben 35.000 Lufthansa-Beschäftigte am Boden. Die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Christine Behle forderte, die Fluggesellschaft müsse einen sozialverträglichen Personalabbau mit ausreichendem Kündigungsschutz gewährleisten. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit vertritt die Lufthansa-Piloten in Deutschland, die Flugbegleitergewerkschaft UFO das Kabinenpersonal. 

Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Bernd Westphal, kritisierte im "Handelsblatt" die Ankündigung betriebsbedingter Kündigungen. "Die staatliche Beteiligung hat das Ziel, möglichst allen Beschäftigten eine Perspektive im Unternehmen zu ermöglichen. Diese Erwartung hat die SPD", sagte er. Die laufenden Gespräche der Sozialpartner sollten nicht mit öffentlichen Verlautbarungen über Zwischenergebnisse "behindert werden", warnte der SPD-Politiker. 

Linken-Chef Bernd Riexinger forderte mit Blick auf das neun Milliarden Euro schwere Rettungspaket des Bundes: "Das bisschen Einfluss, das die Regierung im Unternehmen hat, muss sie jetzt nutzen, und sich endlich für die Beschäftigten einsetzen." 

FDP-Fraktionsvize Michael Theurer dagegen äußerte Verständnis für Spohrs Ankündigungen. Es sei eine Illusion, mit Milliardenhilfen nötige unternehmerische Entscheidungen verhindern zu können, sagte er dem "Handelsblatt". Wenn die Nachfrage fehle und Märkte auf Dauer wegbrächen, werde es ohne Kapazitätsanpassungen nicht gehen.

Im zweiten Jahresquartal machte die Lufthansa einen Nettoverlust von 1,5 Milliarden Euro, wie der Konzern mitteilte - nach einem Gewinn von 226 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz sank demnach um 80 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2020 betrug der Verlust insgesamt 3,6 Milliarden Euro. 

2021 werde die Flugkapazität voraussichtlich noch um ein Drittel geringer sein als 2019, sagte Konzernchef Spohr. Die Nachfrage werde voraussichtlich erst 2024 dauerhaft das Vorkrisenniveau erreichen. Die gesamte Branche müsse sich "an eine neue Normalität anpassen" und sollte nicht mehr um jeden Preis nach Wachstum streben.

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