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Armenisch-aserbaidschanischer Konflikt um Berg-Karabach wieder voll entbrannt

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Video des armenischen Verteidigungsministeriums Bild: AFP

Nach heftigen Gefechten in der Unruheregion Berg-Karabach stehen Aserbaidschan und Armenien kurz vor einem Krieg. Bei Kämpfen zwischen Aserbaidschans Armee und von Armenien unterstützten Rebellentruppen gab es am Sonntag Tote und Verletzte.

Nach Jahren relativer Ruhe ist der Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien um die Region Berg-Karabach wieder voll entbrannt. Aserbaidschans Armee und von Armenien unterstützte Rebellentruppen lieferten sich am Sonntag in der Kaukasusregion heftige Gefechte. Es gab Tote und Verletzte. Die Regierungen in Baku und Eriwan verhängten das Kriegsrecht und gaben sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation. Während die Türkei Aserbaidschan ihre volle Unterstützung zusicherte, riefen Russland und die EU zu einer sofortigen Waffenruhe auf.

Nach Angaben der pro-armenischen Regionalregierung bombardierte die aserbaidschanische Armee am frühen Sonntagmorgen Ziele in Berg-Karabach, darunter auch die Hauptstadt Stepanakert. Aserbaidschans Verteidigungsministerium erklärte dagegen, die Armee habe eine "Gegenoffensive" gestartet, um "Armeniens Militäraktivitäten" in der Region zu stoppen und die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten.

Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan rief das Kriegsrecht aus und ordnete die Generalmobilmachung an. Aserbaidschans "autoritäres Regime hat dem armenischen Volk erneut den Krieg erklärt", sagte er im armenischen Fernsehen und warnte vor einem "umfassenden Krieg im Südkaukasus".

Später verhängte auch Aserbaidschan das Kriegsrecht. Es werde um Mitternacht in Kraft treten, erklärte ein Sprecher von Präsident Ilham Alijew. Dieser hatte zuvor in einer Fernsehansprache den "Sieg" über die "Separatisten" versprochen. "Die aserbaidschanische Armee kämpft heute auf ihrem Territorium, verteidigt die territoriale Integrität, fügt dem Feind verheerende Schläge zu."

Nach Angaben beider Seiten gab es mindestens 23 Tote und hunderte Verletzte, darunter auch Zivilisten. Der aserbaidschanische Generalstaatsanwalt machte in einer ersten zahlenmäßigen Einschätzung das Artilleriefeuer armenischer Separatisten für den Tod einer fünfköpfigen Familie verantwortlich.

Pro-armenischen Stellen in der Kaukasusregion beklagten den Tod von 16 ihrer Kämpfer sowie einer Frau und eines Kindes. Mehr als hundert weitere "Dienstleute" seien bei den Kämpfen verletzt worden, hieß es.

Die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan befinden sich seit fast 30 Jahren im Konflikt um Berg-Karabach. Die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region war zu Sowjetzeiten Aserbaidschan zugeschlagen worden. Pro-armenische Rebellen brachten das Gebiet nach Kämpfen mit rund 30.000 Todesopfern Anfang der 90er Jahre unter ihre Kontrolle.

1991 rief Berg-Karabach seine Unabhängigkeit aus; international wird das Gebiet jedoch bis heute nicht als eigenständiger Staat, sondern als Teil Aserbaidschans angesehen. Die Regierung in Baku will die Region wieder vollständig unter ihre Kontrolle bringen, notfalls mit Gewalt.

In den vergangenen Wochen hatten sich Armenien und Aserbaidschan gegenseitig Angriffe im Grenzgebiet vorgeworfen. Zuletzt hatte es dort im April 2016 heftige Kämpfe gegeben. Dabei starben mehr als hundert Menschen. 2010 war die bislang letzte große Initiative für einen Frieden zwischen Eriwan und Baku gescheitert.

Ein länger andauernder militärischer Konflikt könnte weitreichende Auswirkungen haben. Russland und die Türkei konkurrieren um Einfluss in der Kaukasusregion. Das ölreiche Aserbaidschan hat seine Armee in den vergangenen Jahren hochgerüstet und kann auf die Unterstützung der Türkei zählen. Russland unterstützt dagegen Armenien, wo es einen Militärstützpunkt unterhält.

Ankara sicherte Aserbaidschan umgehend volle Unterstützung zu. "Das türkische Volk wird unsere aserbaidschanischen Brüder wie immer mit allen Mitteln unterstützen", erklärte Präsident Recep Tayyip Erdogan auf Twitter. Armeniens Regierungschef Paschinjan warnte Ankara davor, sich in den Konflikt einzumischen.

Am Abend erklärte der russische Staatschef Wladimir Putin, eine weitere Eskalation des Konfliktes müsse vermieden werden. Nach Angaben des Kreml telefonierte Putin mit dem armenischen Regierungschef Paschinjan.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell forderte ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen und die Rückkehr an den Verhandlungstisch. Die Minsk-Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit Russland, den USA und Frankreich als Ko-Vorsitzenden stehe dafür als Vermittler bereit, erklärte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD).

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