Fahrbericht

Harley Livewire - heavy on wire

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mid Portland - Progressiv gestylt mit dominantem Akku: Das Design der Lifewire passt zum Anspruch. Harley-Davidson

Harley-Davidson bringt als erster etablierter Hersteller ein elektrisches Motorrad auf die Straße. Der Motor-Informations-Dienst (mid) ist zu einer ersten Testfahrt mit der Livewire aufgebrochen.

Harley-Davidson gilt bislang nicht gerade als besonders innovativer Motorrad-Hersteller - was seine Serienmodelle betrifft. Wer die Entwicklung der Branche verfolgt, weiß jedoch, dass die Kult-Marke aus Milwaukee schon vor fünf Jahren ein voll elektrisches Konzept-Fahrzeug vorgestellt hat. Jetzt endlich rollt die Livewire als Serienversion an. Bestellt werden kann sie ab sofort, ausgeliefert wird noch 2019.

Wer den stolzen Preis von fast 33.000 Euro überweist, bekommt dafür ein Prachtstück in Sachen individueller Mobilität, wie es auf dem Globus nur wenige gibt. Das beginnt schon beim Design: Der gigantische, 104 Kilogramm schwere Akkupack präsentiert sich ehrlich, nackt und unverkleidet, und dominiert den gesamten optischen Eindruck des progressiven Bikes.

Der Fahrer sitzt entspannt bis leicht sportlich; weder muss er die Füße so weit nach vorne strecken wie bei anderen Harleys, noch irgendwie gebückt verkrampfen. Nach dem Drücken des Startknopfes pulsiert das weiterhin stille Bike leicht, aber spürbar. Ein Warnsignal: Ich bin wach, dreh jetzt bitte nur noch kontrolliert am rechten Griff.

Was dann passiert, gehört zu den spektakulärsten Erlebnissen, welches die Mobilität zu bieten hat. In drei Sekunden beschleunigt das 106 PS starke, immerhin fast 250 Kilo schwere Motorrad auf Tempo 100 - und zwar schon aus dem Stand mit der vollen Wucht seines Drehmoments von 116 Newtonmetern.

Aus jedem landstraßen-tauglichen Tempo heraus entfesselt das Bike einen unglaublichen Vortrieb und die Magennerven zittern - und das nahezu lautlos. Nur ein Zischen oder manchmal ein Pfeifen dringt an die Ohren des Fahrers oder Außenstehenden. Geknatter gewohnte Motorradfahrer, erst recht Harley-Fans, werden sich daran gewöhnen müssen; oder eben auch nicht. Geschmackssache, ganz klar.

Per (einstellbarer) Rekuperation, die überschüssige Kraft vom Hinterrad zurück in den Akku speist, dirigiert der Fahrer intuitiv das Tempo des Bikes; die Brembo-Bremsen benötigt er im Grunde nur für den Notfall. An Kuppeln, Bremsen und den optimalen Drehzahlbereich muss er keine Gedanken verschwenden, seine Konzentration kann er ganz den Kurven der Landstraße widmen. Die durcheilt die Elektro-Harley mit überraschender Handlichkeit, der niedrige Schwerpunkt kaschiert ihr Gewicht.

Auch beim Rangieren wirkt sie schlanker und leichter beherrschbar, als es das wuchtige Design vermuten lässt. So lässt sich die Livewire locker an der Schnelllade-Säule parken, wo sie sich per üblichem Typ-2-Stecker in 40 Minuten zu 80 Prozent und nach einer Stunde voll laden lässt - was in den ersten zwei Jahren nach Kauf beim Harley-Händler gratis ist. Am Schuko-Stecker in der heimischen Garage nuckelt das E-Bike dagegen die ganze Nacht.

Ja nach Fahrweise und Messzyklus reicht der volle Akku für 150 bis 230 Kilometer, realistisch im Mix zwischen langsamen Stadtverkehr und Landstraßen-Fun sind knapp 200 Kilometer. Für die sonntägliche Spritztour reicht das in der Regel. Und besonders lange Non-Stop-Fahrten planen Harley-Fahrer in der Regel ebenso wenig wie Fans von E-Mobilität. Eine App informiert über Restreichweite und die nächste Ladestation.

Für das Ziel, der führende Anbieter von Elektro-Mobilität auf zwei Rädern zu werden, ist die Livewire jedenfalls der perfekte Auftakt. Von anderen etablierten Krad-Herstellern kommt da ja nicht so viel. Keiner der vier großen japanischen Anbieter beispielsweise hat ein Akku-Bike im Programm. Konkurrenz kommt vor allem von Start-Ups wie Energica aus Italien oder Zero aus den USA. Letztere bieten eine noch stärke Maschine zu einem deutlich geringeren Preis an.

Aber auch Milwaukee tüftelt bereits an weiteren, kleineren Elektro-Bikes. Denn die Livewire ist nur der Auftakt zu einer beispiellosen Produkt-Offensive, die das kriselnde und verkaufshemmende Alteisen-Image der Marke komplett wandeln soll.

Urbane Flitzer mit Akku sollen die Generation Greta ködern oder City-Pendler aus dem Auto locken. Bekennende Motorradfahrer finden ab 2020 erstmals eine geländetaugliche Enduro im Modell-Programm, dazu werden sich im Laufe der Jahre handliche Maschinen mit mittelgroßen Verbrennungsmotoren gesellen. Und als wäre das noch nicht genug der amerikanischen Revolution, verbündet sich Harley-Davidson mit dem chinesischen Hersteller Qianjiang, um gemeinsam den (vorerst) asiatischen Markt mit kleinen Zweirädern zu bestücken.

Es ist durchaus möglich, aber keineswegs sicher, dass die noch immer strahlende Marke diese Wandlung trägt. Bei ihren bisherigen Fans wird das alles freilich nicht auf ungeteilte Begeisterung stoßen, das ist den Managern in Milwaukee klar. Auch deshalb werden sie Modelle mit blubberndem V2-Motor und Retro-Design weiterbauen.

Marcus Efler / mid

Technische Daten Harley-Davidson Livewire
Zweisitziges Motorrad mit flüssigkeitsgekühltem Permanentmagnet-Elektomotor; Leistung: 78 kW/106 PS bei 11.000 U/min, max. Drehmoment: 116 Nm bei 0 - 5000 U/min.

Leichtmetall-Gussrahmen, Upside-Down-Gabel vorne, Mono-Shock-Schwinge hinten, zwei Scheibenbremsen (300 mm) vorn, eine Scheibe hinten, ABS, Traktionskontrolle, Reifenbreite vorn: 120mm, hinten: 180 mm, Akku-Kapazität: 15,5 kWh.
0 - 100 km/h: 3 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit: 177 km/h, Reichweite nach World Motorcycle Test Cycle (WMTC): 157,7 km, nach MIC-Combined-Test: 234,9 Kilometer, Preis: ab 32.995 Euro.

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