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mid-Interview: So funktioniert Integration bei Porsche

  • Ralf Loweg
  • In KARRIERE
  • 6. Februar 2017, 11:06 Uhr

Mit einem eigenen Integrationsprogramm will Autobauer Porsche helfen, dass Flüchtlinge eine echte Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt erhalten. Auch 2017 bekommen wieder 15 Frauen und Männer aus Afghanistan, Syrien, Eritrea und dem Irak eine Ausbildung bei der Sportwagenschmiede. Doch wie sieht das im Alltag aus? Und wie sind die Erfolgsaussichten? Dieter Esser, Leiter Berufsausbildung der Porsche AG, verrät im mid-Interview, wie das Integrationsprogramm in der Praxis funktioniert.

Mit einem eigenen Integrationsprogramm will Autobauer Porsche helfen, dass Flüchtlinge eine echte Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt erhalten. Auch 2017 bekommen wieder 15 Frauen und Männer aus Afghanistan, Syrien, Eritrea und dem Irak eine Ausbildung bei der Sportwagenschmiede. Doch wie sieht das im Alltag aus? Und wie sind die Erfolgsaussichten? Dieter Esser, Leiter Berufsausbildung der Porsche AG, verrät im mid-Interview, wie das Integrationsprogramm in der Praxis funktioniert.

mid: Porsche gibt Flüchtlingen eine Chance und führt die Menschen an den Arbeitsmarkt heran. Wie und wann und vor allem warum kam es zu dieser Idee?

Dieter Esser: Unser früherer Vorstandsvorsitzender Matthias Müller hat im September 2015 als damals erster Unternehmenslenker in Deutschland betont, dass die Wirtschaft angesichts der Flüchtlingsströme eine Verantwortung hat. Und diese kann sie am besten wahrnehmen, indem sie Arbeitsplätze schafft. Noch im selben Monat hat der Porsche-Vorstand gemeinsam mit dem Betriebsrat das Integrationsprogramm beschlossen.

mid: Was wollte Porsche damit erreichen?

Dieter Esser: Ziel war es, inhaltlich und von der Dauer her deutlich über ein Praktikum hinauszugehen, um den Flüchtlingen eine echte Chance auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Das Integrationsprogramm steht in einer Reihe mit dem Porsche-Förderjahr, in dem jedes Jahr jungen Frauen und Männer, denen gemeinhin die Ausbildungsreife abgesprochen wird, an eine Ausbildung herangeführt werden. Mit Erfolg, denn 46 der bis dato 48 Absolventen haben einen Ausbildungsplatz bei Porsche erhalten.

mid: Werden die Flüchtlinge auch privat betreut, sprich: Hat Porsche Kenntnis vom Privatleben, Wohnen, Unterbringung? Oder ist es mit der Ausbildung getan?

Dieter Esser: Hier unterscheiden wir grundsätzlich nicht zwischen den Flüchtlingen und unseren sonstigen Auszubildenden. Wir helfen, wenn Unterstützung notwendig ist, und jeder Einzelne kann sich an die Ausbilder und Meister wenden. Das wissen auch alle, bei aller Professionalität besteht bei uns ein familiäres Verhältnis.

mid: Und wie sieht das genau aus?

Dieter Esser: Speziell für die persönliche Betreuung der Flüchtlinge haben wir zwei Sozialpädagogen eingestellt, die Erfahrung im Umgang mit Menschen in schwierigen Lebenslagen haben. Ihre Aufgabe ist es, besonders sensibel zu beobachten und individuell zu helfen, wenn dies geboten oder sinnvoll ist. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Flüchtlinge gut in der Lage sind, mit dem Leben in Deutschland zurechtzukommen. Unsere Devise ist 'Wir sind da, wenn du uns brauchst', und wir vermeiden übermäßige Fürsorge im privaten Bereich. Natürlich wissen wir, wo die Flüchtlinge wohnen, und wir haben auch Kontakt zu den Behörden, Schulen oder Privatpersonen, über die sie letztlich zu uns gekommen sind.

mid: Sportwagen von Porsche und Flüchtlinge trennen eigentlich Welten. Wie sind da die praxisbezogenen Erkenntnisse?

Dieter Esser: Natürlich arbeiten die Flüchtlinge an Fahrzeugen, die sie zumeist nur aus Zeitungen oder dem Internet kennen. Aber Porsche ist eine Premiummarke, die sich traditionell durch eine soziale Unternehmenskultur auszeichnet. Und die Menschen, die für Porsche arbeiten, machen dies zwar mit Herzblut und großer Begeisterung, verlieren dabei aber nie die Bodenhaftung.

mid: Und das spüren die Teilnehmer des Integrationsprogramm wirklich?

Dieter Esser: Ja! Und so gelingt es auch, die unterschiedlichen Welten zusammenzuführen. Bemerkenswert war, dass die Flüchtlinge die Marke Porsche nicht nur aus ihren Heimatländern kannten, sondern auch so davon fasziniert waren, dass wir sie nicht besonders von unserer Arbeitgeber-Attraktivität überzeugen mussten.

mid: Gibt es Beispiele von Flüchtlingen, die nach der Ausbildung einen Job in gehobenen Positionen bekommen haben?

Dieter Esser: Bei uns nicht, das erste Jahr ist ja auch erst zu Ende gegangen und wir sind glücklich darüber, dass wir allen Teilnehmern eine Perspektive geben konnten über das Förderjahr, über eine Ausbildung, eine direkte Anstellung oder eine Weiterqualifikation in einer weiterführenden Schule. Und es ist ja auch nicht das ursprüngliche Ziel. Ziel ist es vielmehr, über eine Perspektive am Arbeitsmarkt eine echte Integration zu ermöglichen.

mid: Welche Menschen hat Porsche besonders im Auge?

Dieter Esser: Wir haben uns bewusst an Flüchtlinge gewandt, deren berufliche Perspektive eine Facharbeiterstelle ist. Bei uns standen nicht diejenigen Flüchtlinge im Vordergrund, die in ihrer Heimat Student waren oder bereits ein Studium abgeschlossen haben.

mid: Was ist in Sachen dieser Ausbildung zu erwarten. Was hat Porsche noch in der Pipeline?

Dieter Esser: Wir haben mit dem Integrationsproblem alle Hände voll zu tun, denn die 15 Teilnehmer kommen ja on top zu unseren sonstigen Ausbildungsaktivitäten. Im Regelfall haben wir jährlich 150 Auszubildende und Studierende der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Dazu kommen pro Jahr 20 Teilnehmer am Förderjahr und jetzt noch 15 Flüchtlinge aus dem Integrationsprogramm - das stellt unsere Organisation und Infrastruktur vor eine große Herausforderung. Aber es lohnt sich, davon sind wir überzeugt, und es kommt auch viel zurück von den Teilnehmern.

Ralf Loweg / mid

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