Im Zusammenhang mit der Epstein-Affäre hat die norwegische Polizei Immobilien des ehemaligen Regierungschefs Thorbjörn Jagland durchsucht. Dies teilte sein Anwalt Anders Brosveet mit.
Im Zusammenhang mit der Epstein-Affäre hat die norwegische Polizei Immobilien des ehemaligen Regierungschefs Thorbjörn Jagland durchsucht. Dies teilte sein Anwalt Anders Brosveet am Donnerstag mit. Nach den jüngsten Veröffentlichungen zum US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein wird in Norwegen wegen des Verdachts der schweren Korruption gegen Jagland ermittelt.Â
Wie die für Wirtschaftskriminalität zuständige Strafverfolgungsbehörde Ökokrim mitteilte, fand in der Wohnung Jaglands in Oslo am Donnerstag eine Durchsuchung statt. "Ökokrim durchsuchte außerdem zwei weitere Immobilien in Risör und Rauland" im Süden Norwegens, teilte Polizeichef Pal Lönseth mit.
Norwegische Fernsehsender zeigten, wie am Morgen Kartons aus Jaglands Wohnung in Oslo getragen wurden. Jagland selbst lächelte, als er in Begleitung seines Anwalts das Gebäude verließ.
Ökokrim erklärte, dass Jagland und/oder Mitglieder seiner Familie zwischen 2011 und 2018 mehrfach Epsteins Wohnungen in Paris und New York genutzt und sich in seinem Anwesen in Palm Beach im US-Bundesstaat Florida aufgehalten hätten.
Für mindestens einen Urlaub scheinen die Reisekosten für sechs Erwachsene übernommen worden sein, erklärte die Ermittlungsbehörde. In einem weiteren Austausch habe Epstein angeboten, die Reise- und Hotelkosten für sechs Erwachsene in der Karibik zu übernehmen, was Jagland angenommen habe. Später sei die Reise wegen "äußerer Umstände" abgesagt worden.
Laut der norwegischen Zeitung "Verdens Gang" sollen E-Mails zeigen, dass Epstein Jagland bei mehreren Gelegenheiten gedrängt habe, ein Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu vereinbaren.Â
Der heute 75-Jährige war von 1996 bis 1997 norwegischer Ministerpräsident und von 2009 bis 2015 Vorsitzender des Nobelkomitees zur Vergabe des Friedensnobelpreises.Â
Als Generalsekretär des in Straßburg ansässigen Europarats genoss Jagland diplomatische Immunität, auch nach Ende seiner Amtszeit, für Handlungen im Zusammenhang mit seinem Amt. Nach den Epstein-Enthüllungen hob der Europarat am Mittwoch die Immunität auf. Daraufhin konnten die Hausdurchsuchungen stattfinden.Â
Jagland wolle "dazu beitragen, dass der Fall vollständig aufgeklärt wird, und der nächste Schritt wird sein Erscheinen zur Befragung vor Ökokrim sein", erklärte sein Anwalt Brosveet. Die Hausdurchsuchungen gehörten bei derartigen Ermittlungen zum Standardverfahren, betonte er.Â
Nachdem er in der Vergangenheit versichert hatte, dass es sich bei seiner Verbindung zu Epstein um "normale diplomatische Aktivitäten" gehandelt habe, räumte Jagland im Januar gegenüber der Zeitung "Aftenposten" mit Blick auf seine Beziehung zu dem Sexualstraftäter eine "Fehleinschätzung" ein.
Die norwegische Polizei ermittelt im Zusammenhang mit den Epstein-Enthüllungen auch gegen die bekannte Diplomatin Mona Juul wegen des Verdachts der Korruption. Die Epstein-Akten enthalten zudem Hunderte - teils in einem sehr vertrauten Tonfall verfasste - E-Mails zwischen Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit und Epstein aus den Jahren 2011 bis 2014.Â
Ende Januar hatte das US-Justizministerium mehr als drei Millionen weitere Dokumente zu Epstein veröffentlicht. Der Fall zieht seitdem immer weitere Kreise - auch im Ausland, insbesondere Europa. Den Dokumenten zufolge sind mehrere Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft in die Affäre verwickelt. Einige mussten zurücktreten, nachdem ihre Verbindungen zu Epstein oder Details dazu bekannt geworden waren.Â
Der bis in höchste Kreise von Politik und Wirtschaft vernetzte US-Investor Epstein soll mithilfe seiner früheren Freundin Ghislaine Maxwell mehr als tausend Minderjährige und junge Frauen missbraucht und teils an Prominente weitergereicht haben. Er war erstmals 2008 wegen Anstiftung einer Minderjährigen zur Prostitution verurteilt worden. Wegen eines umstrittenen Deals mit der Staatsanwaltschaft erhielt er damals eine nur 18-monatige Haftstrafe.
Nach einer erneuten Festnahme wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch von Minderjährigen wurde Epstein im August 2019 erhängt in seiner New Yorker Gefängniszelle gefunden. Nach offiziellen Angaben nahm er sich das Leben.
