Frankreich

Tod eines Ultrarechten in Lyon: Ermittlungen wegen "vorsätzlicher Tötung"

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Staatsanwalt Thierry Dran Bild: AFP

Nach dem gewaltsamen Tod eines ultrarechten Aktivisten in Frankreich hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen 'vorsätzlicher Tötung' gegen sieben junge Männer eingeleitet.

Eine Woche nach dem gewaltsamen Tod eines ultrarechten Aktivisten in Frankreich hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen "vorsätzlicher Tötung" gegen sieben junge Männer eingeleitet, unter ihnen ein parlamentarischer Mitarbeiter der linkspopulistischen Fraktion La France Insoumise (LFI). Für die sieben Verdächtigen im Alter zwischen 20 und 26 Jahren sei Untersuchungshaft beantragt worden, sagte Staatsanwalt Thierry Dran am Donnerstag in Lyon. 

Die Analyse der Zeugenaussagen und Videos habe eine "sehr hohe Zahl von Tritten direkt in das Gesicht und auf den Kopf" gezeigt, sagte Dran. Einige der sieben Verdächtigen hätten gestanden, sich an Gewalttaten beteiligt zu haben. Einige von ihnen hätten zudem unerlaubt Waffen gehabt. Alle hätten jedoch den Vorwurf der vorsätzlichen Tötung zurückgewiesen.

Zwei der Verdächtigen seien vorbestraft, einer wegen Drogenmissbrauchs, ein anderer wegen illegalen Waffenbesitzes. Gegen einen Dritten liefen Vorermittlungen wegen Gewalt mit rassistischem oder antireligiösem Hintergrund. Mehrere hätten Verbindungen zu linksextremen Gruppen. Es seien noch nicht alle Personen identifiziert, die dem 23-Jährigen Gewalt angetan hätten.

Drei Frauen und ein Mann, die im Verdacht stehen, den mutmaßlichen Tätern auf der Flucht geholfen zu haben, seien vorerst auf freiem Fuß, sagte der Staatsanwalt.  

Der 23-jährige Quentin Deranque, der Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen hatte, war am vergangenen Donnerstag bei gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen rechts- und linksextremen Gruppen in Lyon niedergeschlagen worden. Er starb am Samstag an den Folgen starker Kopfverletzungen.

Die mutmaßliche Beteiligung eines parlamentarischen Mitarbeiters des LFI-Abgeordneten Raphaël Arnault hatte heftige Reaktionen nach sich gezogen. Der Mitarbeiter Jacques-Elie Favrot hatte seine Beteiligung an den gewaltsamen Zusammenstößen in Lyon eingeräumt, dabei aber bestritten, für die tödlichen Fußtritte gegen Deranque verantwortlich zu sein. 

Während Justizminister Gérald Darmanin und weitere Politiker den Rücktritt des Abgeordneten Arnault forderten, lehnte die Partei dessen Fraktionsausschluss ab. Dies komme nicht in Frage, sagte LFI-Parteikoordinator Manuel Bompard. Der Abgeordnete könne nicht für Taten seiner Mitarbeiter einstehen, sagte er. 

Ein weiterer parlamentarischer Mitarbeiter von Arnault steht im Verdacht, einem der mutmaßlichen Täter bei der Flucht vor der Festnahme geholfen zu haben. 

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnte vor einer "Spirale der Gewalt" und mahnte alle politischen Lager zur Ruhe. "Alle müssen in ihren Reihen aufräumen", sagte er mit Blick auf gewaltbereite Extremisten während seiner Indien-Reise in Neu-Delhi. In der Republik gebe es "keinen Platz für Bewegungen, die Gewalt verüben oder rechtfertigen", fügte er hinzu. 

Unterdessen rief der Bürgermeister von Lyon, Grégory Doucet, dazu auf, einen für Samstag geplanten Trauermarsch für den getöteten Deranque zu verbieten. Er verwies auf das Risiko neuer Gewaltausbrüche. Im westfranzösischen Lyon kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen rechts- und linksextremen Gruppen. 

Die Familie des Getöteten rief ihrerseits zu "Ruhe und Zurückhaltung" auf. Sie verurteile jegliche Aufrufe zur Gewalt, sagte ihr Anwalt Fabien Rajon dem Sender RTL. 

Deranque hatte nach Informationen des Investigativmediums "Mediapart" im vergangenen Mai an einem Neonazi-Marsch in Paris teilgenommen. Er habe zudem ein Boxtraining einer rechtsextremen Gruppe absolviert, die sich die "Selbstverteidigung der Weißen" auf die Fahnen geschrieben und antifaschistische Gruppen zu ihren Gegnern erklärt hatte. 

Gut drei Wochen vor den Kommunalwahlen in Frankreich sorgt der Fall für Aufruhr in den politischen Lagern: Rechte und rechtspopulistische Politiker werfen der Partei LFI vor, ein Klima der Gewalt befördert zu haben. Während die Linkspopulisten eine "Instrumentalisierung" des Falls anprangern, wenden sich die gemäßigten Linksparteien zunehmend von ihnen ab und schließen Wahlbündnisse mit der LFI aus.

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