Motor-Technik

Mobilität auf dem Ars Electronica-Festival - Mit dem Post-Auto in die Zukunft

  • Alexandra Felts/SP-X
  • In TECHNIK
  • 10. September 2015, 12:23 Uhr

Das internationale Kunst- und Technologiefestival hatte dieses Jahr einen besonderen Publikumsmagneten: Auf seiner Reise zur IAA machte das selbstfahrende Mercedes-Konzept F 015 Station bei der Avantgarde und hatte auch noch Drohnen und Roboter im Gepäck.

Designer und Entwickler erzählen oft, dass es die Kindheits-Begegnung mit einem einmaligen Auto war, welche den Funken für die spätere Berufswahl zündete. Auf den Schultern ihrer Eltern sitzend oder aus dem Kinderwagen spähend, starrten die kleinsten Festivalbesucher gebannt auf dieses silbern leuchtende Ufo. Ob sie später auch Autos bauen? Wenn sie erwachsen sein werden, lebt die große Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten, wird der Anblick selbstfahrender Autos wie diesem Forschungsfahrzeug F 015 von Mercedes-Benz vielleicht schon so selbstverständlich sein wie Geräte aller Art, die über das Internet der Dinge Informationen austauschen. Unter dem Motto "Post City - Lebensräume für das 21. Jahrhundert" beleuchtete das internationale Kunst- und Technologiefestival Ars Electronica in Linz diesen digitalen Wandel, bei dem auch die zukünftigen Herausforderungen der Mobilität im Fokus standen.

Der Begriff "Post City" lässt sich beschreiben als Vision einer intelligenten Stadt "danach", die anders als heutige überforderte Megacities ihren Einwohnern durch den Einsatz unterschiedlicher Technologien wieder mehr Lebensqualität bieten könnte. Der von den Machern der Ars Electronica gewählte Titel war bewusst zweideutig gewählt. Denn der Hauptspielort des Linzer Festivals war ausgerechnet das stillgelegte oberösterreichische Postverteilerzentrum. Das Areal mit seinen zigtausend Quadratmetern Ausstellungsfläche wurde seinerzeit noch mit Gleisanschluss gebaut. Längst werden aber wie in Deutschland rund 80 Prozent der Paketsendungen direkt auf Lkw verladen. Die Planung wurde schlicht vom Internethandel und seiner auf die Straße verlagerten, rascheren Logistik überholt.

Im Gegensatz zu den Auftritten des F 015 seit seiner Weltpremiere auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas zu Beginn dieses Jahres, gibt es auf der Ars Electronica weder Show noch Glamour. Das experimentierfreudige und lässige Festival, das mit seiner Gründung 1979 nicht nur den jungen elektronischen Medien, sondern auch gesellschaftlichen Debatten eine Plattform eröffnet hat, bietet seither eine bunte Mischung aus Werkstatt und Labor mit Projekten, bei denen die üblichen Grenzen zwischen Kunst und Technologie aufgehoben scheinen. In dem Bereich, der beispielsweise in diesem Jahr für die Mobilität reserviert war, teilte sich der schimmernde Luxusgleiter die ehemalige Verteilerhalle mit einem Doppelfahrrad umgeben von einem roten Körper ähnlich einem Ferrari, einer eleganten Transportdrohne, deren Form an einen Rochen erinnerte und einer ironischen Installation aus groben Tablets, Smartphones und Standrädern aus Reisig, die wie Exponate eines Urzeitmuseums der Zukunft aussahen.

Nur auf den ersten Blick wirkte das Mercedes-Konzept wie ein Fremdkörper. Denn nicht nur das zu einer Lounge gewandelte Interieur, auch die Integration verschiedener Flächen in das Multimediasystem illustrierten die Vorträge über die zunehmend vernetzte Welt, die andernorts auf der Ars Electronica stattfanden. Holger Hutzenlaub, der in der Zukunftsschmiede der Marke das Exterieur des F 015 gestaltete, sah in dem Linzer Gastspiel eine Bestätigung: "Unser Konzeptfahrzeug integriert sich harmonisch in die Post City, weil das Thema Mobilität von uns nicht solitär, sondern im digitalen und gesellschaftlichen Kontext behandelt wird."

Bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge spielt aber nicht nur wie man in jüngster Zeit gelernt hat die Datensicherheit eine immer wichtigere Rolle. Wie lassen sich zum Beispiel in der Übergangszeit Roboterautos in den noch von Menschen geprägten Verkehrsalltag integrieren? Wie lernen Mensch und Maschine einander richtig zu interpretieren? "Wir arbeiten daran, einen Grundwortschatz für diese Situationen aufzubauen", erzählt Christopher Lindinger von Future Lab der Ars Electronica. In einem von Mercedes geförderten Forschungsprojekt übernehmen Drohnen und Gefährte, die Staubsaugerrobotern ähneln, die Rolle der voll automatisierten Fahrzeuge. Mittels bestimmter Farben können sie signalisieren, ob gerade ein menschlicher Fahrer oder die Technologie lenkt, mittels präziser Gesten des Teams halten sie an oder weichen aus. Der Parcours war nicht nur ein weiterer Publikumsmagnet, sondern auch ein Beispiel für das, was Daimlers Zukunftsforscher Alexander Mankowsky in seinem Vortrag "informed trust" nannte: nicht blindes, sondern wissendes Vertrauen als Parallele zur Innovation. An dieser Schnittstelle arbeitet auch die junge Forscherin Martina Mara vom Future Lab, deren Fachgebiet Robopsychologie eher an Science Fiction erinnert. Sie beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Menschen und zunehmend smarteren Maschinen.

Von diesen technologischen Dienstleistern geht auch bei einem eher an künstlerischer Avantgarde interessiertem Szenepublikum eine geradezu magische Faszination aus. Nicht nur der Fachhersteller Kuka aus Deutschland hatte ein innovatives Roboterwerkzeug mitgebracht, dass sich von Hand anleiten lies, um beispielsweise Zeichnungen exakt zu reproduzieren. Auch Japan als führendes Land der Robotik hatte Spezialisten zur Ars Electronica entsandt, deren ferngesteuerte Schöpfungen inzwischen komplexe Aufgaben, beispielsweise in der verseuchten Reaktoranlage von Fukushima übernehmen.

Zur Mobilität auf der Reise zur Post City gehören für die Schöpfer der Ars Electronica aber auch andere brisante Fragen: wie kann die künftige "smarte", also vernetzte, Stadt die Fantasie ihrer Bewohner anregen, Gemeinsinn erzeugen und Wissen allgemein zugänglich machen? Wie wird in dieser Vision die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum gestaltet werden? Welche Folgen hat das für die Außenwelt? Wie kreativ die internationalen Ansätze sind, erzählte die Architekturprofessorin Geeta Mehta von der Columbia Universität. Sie hat mit verschiedenen Gemeinden der Dritten Welt ein System entwickelt, um soziales Kapital unabhängig von Finanzinvestoren zu entwickeln. So können Bewohner einen Kredit für Bildung oder Infrastrukturmaßnahmen erwerben, in dem sie sich beispielsweise verpflichten, ihren Fluss zu reinigen oder eine Schule instand zu setzen.

Diese Post-Welt ist für Mankowsky zugleich auch schon Post-Digital, insofern als die modernen Möglichkeiten längst nicht mehr Selbstzweck sind, sondern Vermittler.

STARTSEITE