Motor-Technik

Abgastest im Straßenverkehr - Kampf um die Grenzwerte

  • Holger Holzer/SP-X
  • In TECHNIK
  • 29. Oktober 2015, 10:41 Uhr

Bis vor wenigen Wochen haben die sogenannten ,,Real World Driving Emissions'' nur Insider beschäftigt. Doch durch den VW-Diesel-Skandal hat das Thema Schadstoffmessung im realen Fahrbetrieb an Brisanz gewonnen. In Brüssel tobt nun der Kampf um die Umsetzung.

Auf der Straße stoßen Autos deutlich mehr Schadstoffe aus als im Labortest. Die EU plant daher, bei der Zulassung von Fahrzeugen auf die Emissionen im realen Verkehr zu berücksichtigen. Spätestens 2017 sollen neue Pkw demnach mit einer Abgassonde auf Landstraßen und Autobahnen getestet werden. Real World Driving Emissions - oder abgekürzt RDE - ist das Schlagwort. Schon jetzt ist klar, dass Pkw die aktuellen Labor-Grenzwerte zumindest in Sachen Stickoxide dabei wohl kaum einhalten können. 

Neben Fragen der praktischen Umsetzung - von der verwendeten Sensorik bis zu den abzufahrenden Streckenprofilen - geht es daher aktuell vor allem darum, wie groß die Abweichungen zu den in den Abgasnormen festgelegten Grenzwerten bei den RDE-Tests sein dürfen. Die EU-Kommission sprach sich zunächst für eine Differenz von 60 Prozent aus, die Technische Kommission für Kraftfahrzeuge (TCMV) schlägt nun offenbar aber einen wirtschaftsfreundlicheren Kurs vor. Demnach soll übergangsweise bis 2020 eine Differenz von 110 Prozent erlaubt sein, danach nur noch 50 Prozent. Noch steht allerdings eine Entscheidung des EU-Parlaments aus.

Trotzdem reagiert der Branchenverband VDA mit Kritik. Die Vorgaben stellten Automobilhersteller und Zulieferer vor große technische und wirtschaftliche Herausforderungen. Umweltschützer hingegen finden die Grenzwerte zu lasch. Die Deutsche Umwelthilfe etwa kritisiert, dass Autos in Europa somit künftig viermal so viele Schadstoffe ausstoßen dürften wie in den USA.

Die aktuelle Abgasnorm Euro 6 sieht einen Grenzwert von 80 Milligramm pro Kilometer für Stickoxide (NOx) vor, ermittelt im Labortest mit dem noch aktuellen NEFZ-Normzyklus. Der TCMV-Vorschlag würde auf der Straße zunächst 168 Milligramm erlauben - etwas weniger als in der bis September gültigen Abgasnorm Euro 5 im Labortest vorgesehen war. Wie leicht oder schwer dieser Wert zu erreichen ist, hängt auch von der konkreten Ausgestaltung des RDE-Tests ab. Klar ist aber, dass der Schadstoffausstoß im realen Straßenverkehr massiv höher ist als im Labor. Studien aus den Niederlanden, Norwegen und Deutschland gehen bei Stickoxiden aus Dieselfahrzeugen von Überschreitungen vom sieben bis fünfzehnfachen der europäischen Grenzwerte aus.

STARTSEITE